Archiv

heute

Heute hatte ich den Drang – oder wohl eher die Not – diesen Blog mal wieder aufleben zu lassen. Ich werde ein paar alte Einträge online lassen, auch wenn ich sie nicht unbedingt für lesenswert halte.


Sodann... worum – oder besser: um wen – geht es hier eigentlich? Um mich, die ich hier Buchstabe für Buchstabe in die Tastatur hacke? Oder um Dich, der oder sie eben diese Buchstaben liest und in sich aufnimmt? Frau Dr. R. würde nun erläutern, dass man ja gar nicht jeden Buchstaben, jede Zeile einzeln liest, sondern einen Text in Saccaden-Sprüngen überfliegt. Doch wen, außer einem armen Buchwissenschafts-Studenten sollte das interessieren? Daher zurück zur Frage: Um wen geht es?

Natürlich bietet ein Blog, genauso wie jede andere Online-Community auch – eine ganz wunderbare Möglichkeit, sich geistig zu entblößen und die Vorteile der scheinbaren Anonymität zu genießen. Im Informationszeitalter ist das vielleicht durchaus angemessen, doch halte ich es nicht unbedingt für absolut erstrebenswert. Im Folgenden wirst du vermutlich sehr viel und gleichzeitig gar nichts über mich erfahren. Schließlich ist doch alles eine Frage der Darstellung. Sobald ich jegliches Erlebnis in Worte fasse, um sie dir mitzuteilen, so wird es schon verändert, deformiert. Allein mein schlechtes Gewissen sorgt dafür, dass einige Details verschwinden und meine Phantasie dafür, dass andere hinzukommen. Wenn man Erving Goffman Glauben schenken möchte, so gehört es ja auch dazu, in dem Versuch einer Kohärenzbildung die jeweilige persönliche Fassade der gewählten Rolle anzupassen. Wenn ich also im folgenden besonders intellektuell wirken möchte, werde ich dich wohl kaum auf die Lücken in meinem Wissen und Gedächtnis hinweisen. Doch was hat dies nun mit der Ursprungsfrage zu tun? Die Antwort könnte man schon herauslesen, zumindest, wenn man sich etwas Mühe gibt. Um dir diesen Denkprozess zu ersparen: Wenn ich mich hier bemühe, so etwas wie eine glaubwürdige Fassade (in Form eines Blogs) aufzubauen, dann mit Sicherheit nur deinetwegen. Es geht hier also um den Leser. Eingeschränkt wird dies nur dadurch, dass ich umgekehrt einzig und alleine deswegen überhaupt in die Bedrängnis komme, hier ein gutes Bild abzuliefern, weil ich mich bemüßigt fühle, etwas mitzuteilen. Und den darstellerischen Aspekt mal außer Acht gelassen, gibt es nur noch einen Grund für dieses Mitteilungsbedürfnis: Etwas beschäftigt mich. Da heutzutage jedoch kaum noch wer Zeit und Lust hat, mal länger zuzuhören und sich mit eigentlich fast banalem Unsinn herumzuschlagen, bietet ein Blog eine recht gute Anlaufstelle für ein solches Anliegen.


Mit dem Thema des Zeit-Nehmens und damit, was es mitunter heißt, anderen mal einen Gefallen zu tun, möchte ich mich in den nächsten Zeilen auch beschäftigen. Aus dem Anfang dieses Eintrags kannst du wohl entnehmen, dass ich Buchwissenschaft studiere – vielleicht auch noch, dass ich ein Gedächtnis wie ein Sieb besitze. Der Rest dürfte, zumindest was meine Person anbelangt, eher nichtssagend sein. Das wird sich nun auch nicht deutlich ändern, auch wenn ich eine Erfahrung schildern möchte, die ich heute gemacht habe.

Aus verschiedensten Gründen hatte ich heute Mittag überraschender Weise zwischen meinen Vorlesungen ein / zwei Stunden Zeit und wusste nicht wirklich etwas damit anzufangen. Meinen „Workload“ hatte ich für heute schon erfüllt. Also beschloss ich, noch schnell zwei Textmarker zu besorgen, da ich davon keine funktionierenden mehr hatte, und etwas durch die Fußgängerzone zu schlendern. Während ich also so schlenderte und überlegte, was ich als nächstes tun möchte, sprach mich eine junge Frau an. Zuerst fragte sie mich, ob ich jemanden kenne, der zufällig eine Reinigungskraft brauchen könnte. Ich erklärte ihr, dass ich erst seit kurzem in dieser Stadt wohne und daher auch kaum jemanden kenne. Wenn dann nur Studenten – und welcher Student könnte sich schon jemanden leisten, der für ihn putzt? Jene junge Frau machte also einen sehr zerknirschten Eindruck und ich war auch etwas überrascht, dass sie Menschen auf der Straße wegen so etwas anspricht. Während ich noch überlegte, ihr zu sagen, dass sie ja vielleicht in der Uni einen Aushang machen könnte – schließlich findet sich dort ja alles mögliche und ab und an schaut da bestimmt auch mal ein Professor drauf – fragte sie dann, ob ich ihr nicht den Gefallen tun könne, ihr kurz zuzuhören. Dass sie nicht perfekt deutsch spricht, war mir schon vorher aufgefallen, nun erklärte sie mir, sie käme aus dem Kosovo und kenne niemanden, der ihr mal zuhören würde. Da ich, wie schon erwähnt, nichts zu tun hatte, willigte ich ein, mich kurz mit ihr zu unterhalten. Sie hatte schließlich einen sympathisch, wenn auch sehr verzweifelten Eindruck gemacht – und warum sollte man eine so einfache Bitte abschlagen? Wir stellten uns noch kurz vor und machten uns dann auf den Weg von der schneeigen Fußgängerzone ins Warme und somit in das nächst gelegene Einkaufszentrum. Auf dem Weg erzählte sie mir allerlei: sie habe zwei Kinder, eines drei und eines gerade mal ein halbes Jahr alt, dass sie vor drei Monaten ihren Arbeitsplatz verloren hatte, weil die Firma konkurs ging und dass sie sich keine Wohnung leisten könne. Sie wohne daher zur Zeit bei einer türkischen Familie, die sie jetzt jedoch auch rausgeworfen hätte, weil sie die Miete nicht zahlen konnte. Es war also weniger Mitleid als Geldgier, die ihr und ihren Kindern kurzzeitig ein Dach über dem Kopf ermöglichte. Zudem war ihr Visum ausgelaufen und weil sie als Pfand für das Zimmer ihrem Vermieter ihren Pass geben musste, hatte sie nun Angst, dass man sie ausweisen und ihr eine Geldstrafe auferlegen würde. Es ergab sich also ein klägliches Bild: die Kinder waren seit früh morgens bei dem eher zwielichtigen Vermieter, während sie umher lief, bei allen möglichen karitativen Einrichtungen um Unterstützung bettelte und abgelehnt wurde, und nun soweit war, dass sie wildfremde Menschen um Hilfe bat – eine junge und gepflegte Frau, die sich fast zu Tode schämte, weil sie auf diese Weise bei anderen betteln musste. Sie erzählte sogar von einem älteren Herren, dem sie angeboten hatte, für ihn zu putzen und einzukaufen, der dann nur meinte, dass sie ja jung und gut aussehen wäre und auch durchaus auf anderem Wege Geld verdienen könnte. Es war klar, wie ekelerregend und beschämend das für sie war.

Im Laufe des Gesprächs kam also heraus, dass sie Geld brauchte – und zwar sehr dringend. Sie sprach es kein einziges Mal so deutlich aus. Da ich jedoch die einzige an diesem Tag war, die ihr überhaupt zugehört hatte, hoffte sie, ich könnte ihr helfen. Mit einer mehr oder weniger mittellosen Studentin hatte sie da jedoch wirklich die falsche gewählt. Ihr Vermieter forderte von ihr wohl die Miete der letzten drei Monate, die sie nicht fähig war zu zahlen, was sich insgesamt auf mehr als 600 Euro belief. So viel hätte ich im Traum nicht zur Verfügung. Ich dachte ernsthaft darüber nach und schlug ihr auch vor, dass wir uns Abends treffen könnten. Auf meinem Sparkonto hätte ich noch ein paar Euro gehabt. Die Karte dafür lag jedoch zu Hause und vor neun Uhr würde ich nicht nach Hause kommen. Doch das war für sie schon zu spät – man bedenke die Kinder, die seit sieben Uhr morgens alleine bei eben jenem Vermieter waren.

Sie war verzweifelt und verärgert, schimpfte über die Leute, die mit vollen Einkaufstaschen umher liefen und behaupteten, sie hätten nichts. Ich kann sie verstehen und habe auch keine Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Natürlich ist das wiederum naiv. Aber einem so verzweifelten Menschen – egal wie gut man ihn kennt – jede Hilfe auszuschlagen, machte mir trotzdem ein schlechtes Gewissen. Irgendwann stand sie auf, meinte nur noch, dass sie nun gehen werde und dass sie sich wohl eine männliche Person suchen müsse. Ich hoffe, sie hatte es nicht ernst gemeint. Dann verschwand sie wieder nach draußen, auf der Suche nach einem anderen Menschen – mit Herz in der Brust und mit Geld in der Tasche.


Ganz sicher bin ich mir nicht, was ich von dieser Begegnung halten soll. Sie tat mir Leid, auch wenn ich ihr nicht helfen konnte. Das eigentlich schlimme ist aber, dass sie so recht hatte mit dem, was sie sagte. Sie hatte niemandem etwas getan, wollte nur für ihre Kinder das Beste (ihre größte Sorge war, dass man ihr diese wegnehmen könnte) und trotzdem wollte ihr niemand helfen. Es ärgerte mich, dass sie mich letztlich in den selben Topf warf wie alle anderen mit vollen Taschen und verständnislosem Kopfschütteln und gleichzeitig machte es mich traurig.

Wieder einmal fragt man sich, warum sich in dieser Welt denn doch alles nur ums Geld dreht – und warum jeder so unglaublich darauf versessen ist, nur noch mehr davon zu sammeln, unabhängig davon, ob er es braucht oder nicht. Doch das eigentlich bedenkliche ist doch, dass unser Staat in den meisten Dingen nicht anders handelt. Nicht dass es uns schlecht ginge. Schließlich können wir Millionen an Steuergeld an irgendwelche Banken zahlen, die selbst in die Scheiße geritten sind. Aber einer jungen Frau mit zwei Kindern wird keiner helfen – einzig und alleine, weil sie an einem Fleck auf dieser Erde geboren wurde, der nicht innerhalb Deutschlands liegt.

1 Kommentar 10.2.10 22:51, kommentieren